Freitag, 18. Dezember 2009

Schnee 2

Gestern, statt vor zwei Wochen, hätte gerne auch mein Geburtstag sein können. Hatte erstens frei, und zweitens fiel Schnee.
Old Rilke wurde an einem 4.12. geboren. Das nenne ich gute Gesellschaft, auch wenn bei seinem Namen viele gähnen müssen. Die Schule ist schuld.
Vor kurzem kamen mir einige noch ungeschliffene Gedichtsplitter junger Talente unter. Da muss jetzt mal ein Hochkaräter her. Das folgende Werk ist eine Schlittenfahrt, und die Jungs in den tragenden Rollen zeigen dem Weihnachtsmann nach allen Regeln der Kunst die Rücklichter. Bahn frei für Rainer Maria Rilke:

Der Knabe

Ich möchte einer werden so wie die,
die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren,
mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haaren
in ihres Jagens großem Winde wehn.
Vorn möcht ich stehen wie in einem Kahne,
groß und wie eine Fahne aufgerollt.
Dunkel, aber mit einem Helm von Gold,
der unruhig glänzt. Und hinter mir gereiht
zehn Männer aus derselben Dunkelheit
mit Helmen, die, wie meiner, unstät sind,
bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind.
Und einer steht bei mir und bläst uns Raum
mit der Trompete, welche blitzt und schreit,
und bläst uns eine schwarze Einsamkeit,
durch die wir rasen wie ein rascher Traum:
Die Häuser fallen hinter uns ins Knie,
die Gassen biegen sich uns schief entgegen,
die Plätze weichen aus: wir fassen sie,
und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.

aus: Lektüre zwischen den Jahren - im Suchen lebt der Mensch, Frankfurt 2002

7 Kommentare:

blaumann hat gesagt…

Vor Rilke zieh ich immer stumm den Hut. Auch ohne Hut.

Anonym hat gesagt…

"ich möchte einer werden so wie die",...
...im Suchen lebt der Mensch...,gefällt mir besser!

Anonym hat gesagt…

habe heute in der Stadt zwei schöne Pferde (Kaltblüter) vor einer Kutsche gesehen...
sie transpotierten vor allem Kinder durch die City (Altstadt?).
Diese symphatischen, für mich auch eine Gelassenheit ausstrahlenden und starken Pferde, erinnerten mich an die Pferde vor den Brauereikutschen, die damals durch die Fichtestraße kamen, u. a. mit Blockeis für die Kneipen...
Ja, aber trotz des wohligen Anblicks dieser eindrucksvollen Pferde war es eisigkalt beim Einkaufsbummel...

H. hat gesagt…

Die Brauereipferde hatten ein tolles Fell: Dunkles Rotbraun, auf grauem Grund und Leopardenflecken. Sahen aus wie Fabelwesen und brachten sagenumwobene Gerstengetränke in riesigen silbernen Fässern.

H. hat gesagt…

Und wenn die Fässer vom Wagen auf die dafür vorgesehenen, dicken Lederkissen fallengelassen wurden, wackelte noch bei uns im zweiten Stock Omas goldenes Service in der Anrichte.

Anonym hat gesagt…

schöööne Schilderung!!!

H. hat gesagt…

Danke. Anonym 2 hat ja angefangen.

 
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